Steinkorallen, Weichkorallen & Gorgonien im Roten Meer erkennen: die häufigsten Korallenarten, Bestimmungsmerkmale und Fotos für deinen nächsten Tauchgang.
Auf einen Blick
- Ort: Riffe bei Sharm el-Sheikh, Hurghada und Marsa Alam, Rotes Meer
- Tiefe: 3–25 m (die meisten Arten flacher als 10 m)
- Beste Reisezeit: ganzjährig, Sichtweiten Oktober–April am höchsten (20–30 m)
Korallenarten im Roten Meer bestimmen: die kurze Antwort
Um Korallenarten im Roten Meer zu bestimmen, achtest du auf drei Dinge: die Wuchsform (Tisch, Geweih, Gehirn, Blume oder weich und fleischig), die Struktur der Polypen (klein und steinhart oder groß und fühlbar weich) und die Farbe bei natürlichem Licht ohne Rotfilter. Steinkorallen wie Acropora-Tischkorallen bilden das feste Riffgerüst, Weichkorallen wie Lederkorallen wiegen sich in der Strömung, und Gorgonien wachsen als große, flache Fächer quer zur Strömung. Mit diesen drei Merkmalen ordnest du die meisten Korallen am Riff schon beim ersten Blick einer der drei Hauptgruppen zu.
Steinkorallen (Hartkorallen): das Fundament des Riffs
Steinkorallen bilden ein Kalkskelett und sind die eigentlichen Baumeister jedes Riffs im Roten Meer. Ihre Polypen sind winzig, oft nur wenige Millimeter groß, und ziehen sich bei Berührung sofort zurück. Was du im Alltag als „die Koralle" siehst, ist das Kalkgerüst, das Generationen von Polypen übereinander aufgebaut haben. Nach über 2.000 Tauchgängen zwischen Dahab und Marsa Alam sind das die fünf Steinkorallen-Typen, die mir ständig vor die Linse kommen.
Tischkorallen (Acropora)
Die Gattung Acropora bildet im Roten Meer riesige, flache Tische, die sich wie Dächer über das Riff spannen. Manche sind so groß, dass ein ganzer Taucher darunter Schatten findet. Erkennungsmerkmal: eine einzige Hauptachse, von der aus sich die Platte horizontal ausbreitet, mit feinen, bürstenartigen Verzweigungen am Rand. Unter den Tischen verstecken sich oft Rotfeuerfische und junge Doktorfische. Ein Blick darunter lohnt sich fast immer.
Geweihkorallen (buschige Acropora)
Dieselbe Gattung, aber in buschiger Wuchsform: Statt einer flachen Platte wachsen hier dichte, verzweigte „Geweihe" nach oben, oft in Gelb, Hellbraun oder zartem Lila. Diese Büsche sind das bevorzugte Versteck für Anemonenfisch-Verwandte und kleine Riffbarsche, die bei Gefahr blitzschnell zwischen den Ästen verschwinden. Verwechslungsgefahr besteht am ehesten mit Pocillopora, die aber kleinere, knubbeligere Verzweigungen zeigt.
Gehirnkorallen (Favia, Platygyra, Lobophyllia)
Der Name ist Programm: Diese massiven, runden Kolonien tragen gewundene Furchen auf der Oberfläche, die tatsächlich an ein Gehirn erinnern. Favia und Platygyra bilden eher kompakte, halbrunde Kuppeln mit engen Furchen, während Lobophyllia (die „Fleischkoralle") größere, fleischigere Polypenlappen zeigt, die bei Dämmerung sichtbar ausfahren. Gehirnkorallen wachsen extrem langsam, oft nur wenige Millimeter pro Jahr. Ein Riff aus großen Exemplaren kann deshalb locker mehrere Jahrhunderte alt sein.
Pilzkorallen (Fungia)
Fungia ist eine der wenigen Steinkorallen, die als Einzelpolyp lebt und nicht am Untergrund festgewachsen ist. Sie liegt frei auf dem Sand, meist oval bis rund und mit radial angeordneten Rippen, die an eine aufgeschnittene Pilzkappe erinnern. Fällt sie um oder wird sie durch Sedimentschichten bedeckt, kann sie sich aktiv wieder aufrichten. Du findest sie fast immer in sandigen Senken zwischen größeren Riffstrukturen.
Blumen- und Rosenkorallen (Echinopora, Montipora)
Diese Gattungen wachsen in welligen, blattartigen oder rosettenförmigen Platten, die sich übereinander schichten wie aufgeblätterte Rosen. Die Farbpalette reicht von sattem Grün über Pink bis Blaugrau, und gerade bei schrägem Lichteinfall wirken die Ränder fast durchscheinend. Montipora-Arten bilden oft auch inkrustierende Flächen, die wie eine zweite Haut über Totkorallen oder Fels wachsen.
Weichkorallen: ohne festes Kalkskelett, dafür in Bewegung
Weichkorallen haben kein durchgehendes Kalkskelett, sondern nur winzige Kalknadeln (Spiculae) im Gewebe. Deshalb fühlen sie sich fleischig an und schwingen sichtbar in der Strömung. Sie sind der Grund, warum viele Riffabschnitte im Roten Meer fast wie ein Unterwassergarten aussehen, der sich im Wind wiegt.
Lederkorallen (Sarcophyton)
Sarcophyton bildet pilzförmige, glatte Kolonien mit gewellter Oberfläche. Die Konsistenz erinnert tatsächlich an Leder, daher der Name. Bei Tag sind die Polypen meist eingezogen, wodurch die Oberfläche glatt und fast künstlich glänzend wirkt; erst in der Dämmerung fahren tausende winzige Polypen aus und verwandeln die Koralle in einen samtigen Teppich.
Blumenkohlkorallen (Dendronephthya)
Kaum eine Weichkoralle ist farbintensiver: Dendronephthya wächst in dichten, verzweigten Büscheln aus Pink, Orange, Rot und Violett und sieht tatsächlich aus wie ein Blumenkohlkopf. Sie besitzt keine eigenen Algen-Symbionten und ernährt sich ausschließlich von Plankton, das die Strömung heranträgt. Deshalb findest du die prächtigsten Exemplare an strömungsreichen Rifffronten und Steilwänden, nicht in ruhigen Lagunen.
Pulsierende Xenia
Xenia ist die Koralle, bei der Taucher am längsten stehen bleiben: Ihre Polypen öffnen und schließen sich rhythmisch, im Abstand von ein bis zwei Sekunden. Dieses Pulsieren unterstützt vermutlich den Gasaustausch der symbiotischen Algen. Die kleinen, hellbraunen bis cremefarbenen Büschel wachsen oft in dichten Teppichen auf flachem Riffgrund und sind ein zuverlässiger Hingucker für jede Unterwasserkamera.
Gorgonien (Fächerkorallen): die Riesen der Strömung
Gorgonien wachsen auf einem flexiblen, hornartigen Innenskelett und bilden oft die größten Einzelstrukturen am Riff. Charakteristisch ist ihre Ausrichtung quer zur Strömung, damit sie mit maximaler Fläche möglichst viel Plankton einfangen.
Riesenfächer (Annella mollis, Subergorgia)
Diese Fächerkorallen können über zwei Meter Durchmesser erreichen und wachsen bevorzugt an Steilwänden und Spalten, wo konstant Strömung durchzieht. Annella mollis ist meist zart rosa bis violett und fast durchscheinend fein verzweigt, während Subergorgia-Fächer gröber, kompakter und oft in dunklerem Braun oder Grau wachsen. An Spots wie Elphinstone oder den Steilwänden von Ras Mohammed stehen manche dieser Fächer schon seit Jahrzehnten an exakt derselben Stelle.
Peitschenkorallen (Ellisella, Junceella)
Statt eines flächigen Fächers bilden diese Gorgonien lange, dünne, biegsame „Peitschen" von bis zu zwei Metern Länge, die einzeln oder in kleinen Gruppen aus dem Riff ragen. Sie sind oft Lebensraum für spezialisierte Garnelen und Schlangensterne, die perfekt an die Farbe und Struktur ihrer Wirtskoralle angepasst sind, ein Lieblingsmotiv für alle, die sich an Makrofotografie wagen.
Korallen fotografisch und visuell bestimmen
Die größte Fehlerquelle beim Bestimmen ist nicht die Art selbst, sondern das Licht. Rot wird schon ab wenigen Metern Tiefe fast vollständig aus dem Sonnenlicht gefiltert, deshalb wirken viele Korallen ab 5 Metern blaugrün und fast grau, obwohl sie an der Oberfläche in Rot, Orange oder Pink leuchten. Für die Bestimmung vor Ort merke dir die Farbe deshalb lieber grob (warm/kalt, hell/dunkel) als exakt. Schau dir Fotos danach am besten mit Rotfilter oder nach der Farbkorrektur an. Ich schraube mir dafür ein Rotfilter-Set für die GoPro auf, sobald ich tiefer als 5 Meter fotografiere. Darunter bleiben Korallenfarben sonst notorisch blaustichig, und gerade bei Gehirn- oder Blumenkorallen verschwimmen dadurch genau die Farbkontraste, an denen du die Art eigentlich erkennst.
In Spalten, unter Überhängen oder in den Laderäumen von Wracks hilft ein Rotfilter allein allerdings nicht mehr, weil dort schlicht zu wenig Licht ankommt. Dort nehme ich stattdessen ein kompaktes UW-Videolicht mit, das die echten Farben auch im Schatten zurückbringt. Gerade Dendronephthya-Blumenkohlkorallen und die feinen Polypen von Lederkorallen zeigen erst mit eigenem Licht ihre volle Farbintensität. Für Nahaufnahmen von einzelnen Polypen oder kleinen Gorgonien-Ästen lohnt sich zusätzlich ein Dome-Port-Kit für die GoPro: Es erlaubt dir, extrem nah an die Koralle heranzugehen, ohne dass das Bild am Rand verzerrt. Das ist wichtig, wenn du später anhand des Fotos die genaue Art bestimmen willst, zum Beispiel über die Struktur der Polypenkelche bei Favia oder Platygyra.
Profi-Tipp von Marc
"Fotografiere jede unbekannte Koralle aus zwei Perspektiven: einmal die gesamte Wuchsform von der Seite, einmal eine Nahaufnahme der Polypen oder Kelche. Mit nur einem Bild lässt sich später kaum zwischen ähnlichen Gattungen wie Favia und Platygyra unterscheiden – mit beiden fast immer."
Riffschutz: Korallen bestimmen, ohne sie zu berühren
Korallen bestimmst du ausschließlich mit den Augen und der Kamera, niemals mit der Hand. Schon eine kurze Berührung kann die hauchdünne Gewebeschicht einer Steinkoralle beschädigen, und manche Arten reagieren mit sichtbarem Gewebeverlust, der sich erst Wochen später zeigt. Halte als Faustregel mindestens eine Armlänge Abstand, kontrolliere vor jedem Fotostopp deine Tarierung und achte besonders auf deine Flossenspitzen. Die meisten Riffschäden entstehen nämlich nicht durch Hände, sondern durch unachtsame Flossenschläge. Die ausführlichen Regeln für rücksichtsvolles Tauchen am Riff, inklusive Verhalten bei Strömung und beim Fotografieren, findest du in meinem Guide zum Korallenriff-Schutz beim Tauchen.
Wer neben Korallen auch die Bewohner des Riffs sicher bestimmen will, findet eine gute Ergänzung in meinem Artikel zu den häufigsten Fischarten im Roten Meer, denn viele Arten wie Falterfische oder kleine Riffbarsche lassen sich erst richtig einordnen, wenn du auch weißt, auf welcher Korallenart sie typischerweise sitzen.
Häufig gestellte Fragen
Häufige Fragen
Wie erkenne ich den Unterschied zwischen Steinkorallen und Weichkorallen?+
Steinkorallen haben ein festes Kalkskelett und fühlen sich hart an, ihre Form bleibt starr. Typisch sind Tischkorallen, Geweihkorallen und Gehirnkorallen. Weichkorallen besitzen kein durchgehendes Kalkskelett, nur winzige Kalknadeln, wirken fleischig und schwingen sichtbar in der Strömung, etwa Lederkorallen oder Blumenkohlkorallen.
Welche Korallenarten sind im Roten Meer am häufigsten?+
Am häufigsten sind Acropora-Arten (Tisch- und Geweihkorallen), die große Teile vieler Riffdächer bilden, sowie Gehirnkorallen der Gattungen Favia und Platygyra. Bei den Weichkorallen dominieren Lederkorallen (Sarcophyton) und pulsierende Xenia, bei den Gorgonien die großen Fächerkorallen an Steilwänden.
Warum sehen Korallen unter Wasser oft grau statt bunt aus?+
Wasser filtert Rotlicht schon ab wenigen Metern Tiefe fast vollständig heraus, danach folgen Orange und Gelb. Ohne Rotfilter oder eigenes Licht bleiben deshalb vor allem Blau- und Grüntöne übrig, und viele Korallen wirken blass oder grau, obwohl sie an der Oberfläche kräftig gefärbt sind.
Darf ich Korallen zum Bestimmen kurz berühren?+
Nein. Schon eine kurze Berührung kann das empfindliche Gewebe von Steinkorallen beschädigen und zu Gewebeverlust führen, der oft erst Tage später sichtbar wird. Bestimme Korallen ausschließlich visuell oder über Fotos und halte dabei mindestens eine Armlänge Abstand.
Welche Ausrüstung hilft beim Fotografieren und Bestimmen von Korallen?+
Ab etwa 5 Metern Tiefe gleicht ein Rotfilter den Blaustich aus und bringt die wahren Farben zurück. In Spalten, Überhängen oder bei wenig Licht liefert ein kompaktes UW-Videolicht zusätzlich echte Farbtreue, und ein Dome-Port-Kit erlaubt scharfe Nahaufnahmen einzelner Polypen für die genaue Artbestimmung.
