Nachttauchen im Roten Meer: Spanische Tänzerin, Feuerwürmer und leuchtende Korallen. Beste Spots, Ausrüstung und Sicherheitstipps vom PADI Divemaster.
Auf einen Blick
- Beste Spots: Hausriffe in Sharm el-Sheikh, Hurghada, El Gouna und auf dem Liveaboard
- Highlights: Spanische Tänzerin, Feuerwürmer, Tintenfische, Jagdverhalten
- Voraussetzungen: OWD + Night-Diver-Zertifikat empfohlen, mindestens 20 Tauchgänge Erfahrung
- Pflicht-Ausrüstung: Primär- und Backup-Lampe, SMB, Leuchtmarker am BCD
- Wassertemperatur: 22–28 °C je nach Saison, 3 mm Neopren reicht das ganze Jahr
Nachttauchen im Roten Meer – die kurze Antwort
Nachttauchen im Roten Meer ist ein völlig anderes Erlebnis als ein Tauchgang bei Tag. Das Riff schläft nicht — es erwacht. Was tagsüber versteckt ist, kommt nachts hervor: Die Spanische Tänzerin, eine leuchtend rote Nacktschnecke von bis zu 40 Zentimetern Länge, schwebt durch die Wassersäule wie ein Flamencotänzer. Feuerwürmer kriechen über die Korallen. Tintenfische wechseln sekundenschnell ihre Farbe. Raubtiere wie Lipp-Zackenbarsche und Karanx-Thunfische treiben kleinere Fische in Panik. Und bei absoluter Dunkelheit — Lampe aus — leuchtet das Biolumineszenz-Plankton im Wirbel deiner Flossen wie ein Sternenhimmel unter Wasser.
Das Rote Meer ist eines der besten Gewässer der Welt für Nachttauchen: warme Temperaturen das ganze Jahr, kurze Boottransfers zu den Hausriffen, und eine marine Artenvielfalt, die bei Dunkelheit noch überraschendere Seiten zeigt als am Tag. Ich habe weit über 200 Nachttauchgänge in Ägypten gemacht — und keiner war langweilig.
Was dich beim Nachttauchen erwartet
Die Spanische Tänzerin – das Highlight schlechthin
Die Spanische Tänzerin (Hexabranchus sanguineus) ist eine Nacktschnecke, die bei Tag unter Korallen versteckt lebt. Nachts verlässt sie ihr Versteck und schwimmt durch die Wassersäule — mit wellenden Bewegungen des roten, weichen Körpers, die unglaublich elegant wirken. Im Roten Meer sind Exemplare von 30 bis 40 Zentimetern keine Seltenheit. Wer sie einmal bei Nacht mit der Taucherlampe angestrahlt hat, vergisst diesen Anblick nicht.
Beste Chancen hast du an Riffen, die direkten Sandbodenkontakt haben — Übergangszone Riff-Sand auf 10 bis 20 Metern. Häufige Sichtungsorte: Hausriffe in Sharm el-Sheikh (Ras Umm Sid, Far Garden), Abu Nuhas bei Tauchsafaris und die Außenriffe bei Hurghada.
Feuerwürmer, Tintenfische und biolumineszentes Plankton
Feuerwürmer (Hermodice carunculata) sind nachtaktiv und können bis zu 30 Zentimeter lang werden. Ihre weißen Borsten sehen aus wie flauschige Haare — aber Vorsicht: Sie brechen ab und hinterlassen brennende Glasfasern in der Haut. Anfassen ist tabu, auch ohne Handschuhe. Stattdessen einfach beobachten, wie sie sich langsam über Korallen und Schwämme bewegen.
Tintenfische und Oktopusse sind im Roten Meer tagsüber schüchtern, nachts aber aktiv auf Jagd. Wenn du langsam und ohne ruckartige Bewegungen auf einen Tintenfisch zugehst und die Lampe etwas abwinkelst, bleiben sie oft stehen und zeigen ihr faszinierendes Farbwechselspiel. Oktopusse kannst du an ihren Verstecken in Riffwänden erkennen — dort wo kleine Krebsschalenreste vor einem Loch liegen, lauert meist jemand dahinter.
Das Highlight schlechthin: Tauche nachts auf 5 Meter, mache deine Lampe aus und warte 20 Sekunden. Dann bewege deine Hand durch das Wasser. Das biolumineszente Plankton — winzige Leuchtbakterien und Dinoflagellaten — leuchtet in deinem Kielwasser wie Sterne. Im Roten Meer ist dieser Effekt besonders stark, wenn das Planktonaufkommen hoch ist (Juni bis Oktober).
Das Riff verwandelt sich: Jagdverhalten bei Nacht
Wenn die Lampe eines Nachttauchers auf einen Glasfischschwarm trifft, fliehen die kleinen Fische sofort zur Seite — und das haben Raubtiere über Jahrmillionen gelernt. Lipp-Zackenbarsche (Variola louti) und Karanx-Thunfische folgen Taucherlampen beim Nachttauchen aktiv, weil das Licht ihre Beute für sie sichtbar macht. Du hilfst den Räubern ungewollt beim Jagen — und siehst dabei Jagdsequenzen, die bei Tag so nicht zu beobachten sind.
Korallen zeigen nachts ein anderes Gesicht. Die Polypen fahren ihre Tentakel aus — das, was tagsüber wie ein harter Stein aussieht, wird zu einem Blumenfeld aus tausenden kleiner Fangarme. Krustentiere verlassen ihre Spalten: Langusten marschieren über den Sandboden, Putzergarnelen stehen vor ihren Stationen. Und die großen Murchisons-Seeigel (Diadema), die sich tagsüber in Riffwänden verstecken, wandern nachts offen über den Grund.
Die besten Spots für Nachttauchen in Ägypten
Nachttauchen findet in Ägypten an zwei grundlegend verschiedenen Orten statt: vom Hausriff eines Hotels aus (Shore Dive) oder vom Tagesboot bzw. Liveaboard aus. Beide haben ihre Vorzüge.
- Sharm el-Sheikh – Ras Umm Sid und Far Garden: Sanfte Hausriffe, zugänglich vom Steg, perfekte Tiefe (6–18 m). Spanische Tänzerin häufig. Geführte Nachttauchgänge kosten 25–40 EUR inkl. Guide.
- Hurghada – Hausriffe Abu Ramada und Shaab El Erg: Reichhaltiges Riff mit vielen Korallenköpfen. Tintenfische und Oktopusse sind hier besonders häufig. Boottransfer 20–30 Minuten.
- El Gouna – Shaab El Erg: Delfinriff, das nachts ohne Delfine (die schlafen) von Muränen und Krustentieren belebt wird. Kurzer Transfer, entspannte Tauchbasis.
- Auf dem Liveaboard: Das Beste für intensive Nachttauchgänge. Abends direkter Einstieg vom Boot, Mooring am Riff. Am Brothers-Riff oder Abu Nuhas bei Nacht ist ein unvergessliches Erlebnis — das Wracktauchen im Roten Meer bekommt bei Nacht eine völlig neue Dimension.
Ausrüstung: Was du für einen Nachttauchgang brauchst
Nachttauchen ohne Licht ist kein Erlebnis — es ist gefährlich und sinnlos. Die Taucherlampe ist beim Nachttauchen das wichtigste Ausrüstungsteil, wichtiger als beim Wracktauchen. Meine Empfehlung für das Rote Meer:
Primärlampe: Ich tauche nachts immer mit meiner Wurkkos DL10R Taucherlampe (4.500 Lumen, USB-C direkt aufladbar, IPX8). Der Lichtstrahl ist stark genug, um Spanische Tänzerinnen aus 8 Metern Entfernung klar sichtbar zu machen, ohne sie zu verscheuchen. Der Akku hält zwei volle Nachttauchgänge durch, und der schlanke Formfaktor bedeutet, dass die Lampe nicht ständig am Riff hängt. Für etwa 50 Euro ist das das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, das ich kenne.
Backup-Lampe: Beim Nachttauchen ist eine Backup-Lampe Pflicht — nicht optional. Wenn die Primärlampe ausfällt, bist du im Dunkeln und hast kein Orientierungssignal für den Aufstieg. Wer mehr Lichtleistung mag (und etwa im Wrack nachttaucht), greift zur Wurkkos DL70 mit 13.000 Lumen als Primär- und der DL10R als Backup. Für die meisten Riff-Nachttauchgänge reicht die DL10R als Primärlampe und eine kleinere LED-Handlampe als Backup.
SMB und Leuchtmarker: Nach dem Nachttauchgang taucht du in der Dunkelheit auf — das Boot muss dich finden. Ein SMB mit Leuchtstreifen macht dich aus dem Boot sichtbar. Zusätzlich empfehle ich einen Cyalume-Stick (Knicklichter) am BCD-Schulterträger befestigt — damit sieht dein Buddy dich unter Wasser immer, auch wenn ihr euch kurz trennt. Viele Tauchbasen verleihen diese Marker kostenlos beim Nachttauchgang.
Was du nicht brauchst: Kaltwasser-Ausrüstung. Das Rote Meer hat selbst im Winter 22–24 °C im Wasser — ein 3-mm-Neopren reicht das ganze Jahr. Wer bei mehreren Nachttauchgängen friert, kann einen 5-mm-Anzug nutzen, aber mehr braucht es nicht. Mehr dazu im Anfänger-Guide für Ägypten.
Profi-Tipp von Marc
"Mach deine Lampe beim Nachttauchen manchmal kurz aus und warte 30 Sekunden. Deine Augen gewöhnen sich an die Dunkelheit — und du siehst plötzlich das Biolumineszenz-Plankton, das in deinem Kielwasser leuchtet. Das ist einer der magischsten Momente, die ich im Tauchen kenne. Im August und September ist der Effekt im Roten Meer besonders stark."
Sicherheit beim Nachttauchen: Die wichtigsten Regeln
Nachttauchen ist sicherer als sein Ruf — aber es erfordert mehr Disziplin als Tagtauchen. Als Divemaster, der hunderte Nachttauchgänge geführt hat, sind das die Regeln, auf die ich bestehe:
- Immer mit Guide oder als erfahrenes Team: Für den ersten Nachttauchgang an einem neuen Spot ist ein lokaler Guide Pflicht. Er kennt die Orientierungspunkte, die im Dunkeln unsichtbar sind.
- Briefing an Land: Vor dem Einstieg klarer Aktionsplan — Kurslinie, Tiefe, Maximalzeit, Notsignal. Beim Nachttauchen gilt: Bei Zweifel sofort aufsteigen.
- Buddy-Sichtkontakt: Dein Buddy muss immer in deinem Lichtkegel oder im Licht seiner eigenen Lampe sichtbar sein. Im Dunkeln trennen sich Paare schneller als am Tag.
- Lampen vorher testen: Lade alle Akkus vollständig auf, teste die Lampen an Land. Eine Lampe, die nach 20 Minuten ausgeht, ist beim Nachttauchen keine Option.
- Auftauchen mit SMB: Beim Aufstieg SMB setzen, bevor du die 5-Meter-Marke erreichst. Das Boot muss wissen, wo du auftauchst — in der Dunkelheit ist das kein Nice-to-have.
- Keine Übermüdung: Nachttauchgänge nach einem langen Tauchtag kosten mehr Energie. Wer an Bord eines Liveaboards bereits vier Tauchgänge gemacht hat, sollte den Nachttauchgang erst nach einer guten Mahlzeit und 2–3 Stunden Pause einplanen.
Wann ist die beste Zeit für Nachttauchen?
Nachttauchen im Roten Meer ist das ganze Jahr möglich. Die marine Aktivität ist allerdings in den Sommermonaten (Juni bis Oktober) besonders hoch — wärmeres Wasser bedeutet mehr Plankton, mehr biolumineszentes Leuchten und aktivere Raubtier-Jagd. Das ist auch die Zeit der Spanischen Tänzerin: Ich sehe sie am häufigsten zwischen Juli und Oktober.
Im Winter (November bis März) ist das Wasser mit 22–24 °C etwas kühler, aber die Sichtweiten sind oft besser und die Riffe weniger überlaufen. Oktopusse und Muränen sind ganzjährig aktiv. Feuerwürmer habe ich zu jeder Jahreszeit gesehen. Für den ersten Nachttauchgang empfehle ich die ruhige Herbst-Winter-Saison, wenn weniger Boote auf dem Wasser sind und der Guide mehr Ruhe für eine ordentliche Einweisung hat.
Häufige Fragen
Brauche ich ein spezielles Zertifikat für Nachttauchen?+
Offiziell brauchst du kein separates Zertifikat, aber ein PADI Night Diver- oder SSI Night & Limited Visibility-Kurs ist sinnvoll. Er vermittelt Orientierungstechniken, Lampensignale und Notfallverhalten im Dunkeln. Viele Tauchbasen in Ägypten bieten geführte Nachttauchgänge auch für OWD-Taucher an, wenn sie mindestens 20 Tauchgänge Erfahrung nachweisen können.
Wie viele Lampen brauche ich beim Nachttauchen?+
Mindestens zwei: eine starke Primärlampe (ab 1.000 Lumen, besser 3.000–5.000 Lumen) und eine kleinere Backup-Lampe. Beim Wracktauchen bei Nacht empfehle ich drei Lampen. Die Backup-Lampe sollte immer griffbereit am BCD befestigt sein, nicht lose in der Tasche.
Kann ich als Anfänger nachttauchen?+
Als OWD-Taucher kannst du grundsätzlich nachttauchen, wenn du mindestens 20 Tauchgänge Erfahrung hast und mit einem lokalen Guide tauchst. Ohne Night-Diver-Kurs solltest du keine eigenständigen Nachttauchgänge an unbekannten Spots machen. Für absolute Anfänger ist ein geführter Einsteiger-Nachttauchgang ab dem ersten Tauchkurs möglich — aber erst nach dem Abschluss des Kurses.
Wann sehe ich die Spanische Tänzerin im Roten Meer?+
Die Spanische Tänzerin ist nachtaktiv und am häufigsten zwischen Juli und Oktober zu sehen, wenn das Wasser warm und planktonreich ist. Sie taucht auf, wenn das Licht nachlässt — typischerweise ab einer Stunde nach Sonnenuntergang. Beste Spots sind Hausriffe in Sharm el-Sheikh (Ras Umm Sid) und die Riffe um Hurghada in 10–20 Metern Tiefe.
Was kostet ein geführter Nachttauchgang in Ägypten?+
In Sharm el-Sheikh, Hurghada und Dahab kostet ein geführter Nachttauchgang typischerweise 25–45 Euro inkl. Guide, Lampe (falls nicht vorhanden) und Bootstransfer. Auf einem Liveaboard ist der Nachttauchgang meist im Programm inbegriffen. Eigene Lampen sparen oft die Mietgebühr.
